Angenommen, Du arbeitest in einem Team, das ein Produkt vermarktet, das bei den Kunden schlecht ankommt. Du könntest Dich dafür einsetzen, dass ein neues Produkt ausprobiert wird, von dem aber noch nicht klar ist, ob es besser oder ebenfalls schlecht ankommt. Würdest Du das neue Produkt vorschlagen? Oder noch etwas abwarten? Der Omission Bias, zu Deutsch Unterlassungseffekt, bringt uns häufig dazu, nichts zu tun. Selbst wenn es rational gesehen die schlechtere Entscheidung ist.
Bei den allermeisten Entscheidungen gibt’s zwei offensichtliche Optionen: etwas zu tun – oder es zu lassen. Experimente zeigen, dass wir eher zur Unterlassung tendieren. Auch dann, wenn alles dafürspricht, aktiv etwas zu unternehmen. Deshalb trennen sich Menschen teilweise jahrelang nicht von schlecht laufenden Aktien. Oder lassen ihre Kinder auch bei hohem Krankheitsrisiko nicht impfen, da es ein gewisses Risiko für Nebenwirkungen gibt. Aber warum tun wir am liebsten nichts, auch wenn es für uns klar von Nachteil ist?
Unterlassungseffekt und Verantwortung
Studien zeigen, dass wir uns eher für die Dinge verantwortlich fühlen, die wir aktiv getan haben, als für die Fälle, in denen wir passiv geblieben sind. Blöderweise gilt diese Einstellung auch in Situationen, in denen eine Handlung zu weniger Schaden führen kann als die Unterlassung. So würden wir uns nachweislich schuldiger fühlen, wenn unser Kind kurzfristig auf eine Impfung reagiert – beispielsweise Fieber bekommt – als wenn es ungeimpft erkrankt. Auch wenn ersteres deutlich unwahrscheinlicher und meist mit weniger Schaden verbunden ist.
Was ist schlimmer: Einer Person in Not unsere Hilfe zu verweigern – oder ihre Not aktiv herbeizuführen? Der Effekt ist derselbe, und doch fühlt sich zweiteres schlimmer an. Experimente zeigen auch, dass Menschen sich weniger schuldig fühlen, wenn sie passiv bleiben und dadurch mehrere Personen schädigen, als wenn sie aktiv werden und dabei einer Person Schaden zufügen, auch wenn sie diesen zugleich von mehreren Menschen abwenden. Wir beurteilen eine unterlassene Handlung als weniger riskant. Zudem rechnen wir meist mit weniger gravierenden Folgen und meinen, die Verantwortung besser von uns weisen zu können.
Zwei weitere Denkverzerrungen spielen hier zudem übel mit: die Status-Quo-Verzerrung und der Default-Effekt. Letzterer zeigt sich zum Beispiel beim Thema Organspende: In Ländern, in denen sich die Menschen aktiv dafür entscheiden müssen, ist die Zahl der Spender deutlich niedriger, als in den Ländern, in den die Menschen widersprechen müssen, wenn sie ihre Organe nicht spenden wollen. Wenn wir uns zwischen zwei Optionen entscheiden müssen, entscheiden wir uns stets für die, bei der wir eine aktive Entscheidung umgehen können. Unter anderem deshalb bleiben wir zu lange in unbefriedigenden Jobs, Beziehungen oder Situationen, statt diese aufzulösen. Womöglich sind wir auch zu optimistisch: Ähnlich wie beim Planungsfehlschuss unterschätzen wir die Folgen des Nichtstuns. Es passiert schon nicht, denken wir – und bleiben weiter passiv, auch wenn vieles dagegenspricht.
Erster Schritt zur Besserung
Wie bei allen Denkfallen gilt auch hier: je mehr wir uns diese bewusst machen, desto weniger anfällig werden wir dafür, uns blind von ihnen lenken zu lassen. Wir können uns fragen: gibt es Situationen in unserem Leben, in denen wir unnötig lange in einem unvorteilhaften Zustand verharren? Dies kann ein Job sein, der unglücklich macht, eine Beziehung, die zermürbt oder auch Entscheidungen, die immer weiter hinausgezögert werden. Oft treten in solchen Situationen Gedanken auf wie „Vielleicht löst sich das Problem von alleine“, „Was, wenn ich eine falsche Entscheidung treffe?“ oder „Ich will nicht verantwortlich sein“. Je flexibler wir mit diesen Gedanken umgehen können, desto rationaler können wir die Situation beurteilen: Wie wahrscheinlich ist es, dass Abwarten alles nur schlimmer macht? Welche möglichen Chancen stecken in der Alternative? Und was wäre objektiv betrachtet der bessere Weg?
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