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Self-Serving Bias: Die Fehler machen andere

Die eigene Inkompetenz zugeben: Das fällt niemandem so wirklich leicht. Den Grund für unser Versagen suchen wir meist eher woanders. Der Self-Serving Bias hilft, unser Selbstwertgefühl zu schützen, kann jedoch zu Problemen führen. Wie wir diesen Denkfehler vermeiden – und warum gerade Führungskräfte aufpassen sollten.

Self-Serving Bias

Mal angenommen, Du machst am Arbeitsplatz einen Fehler – suchst Du dann den Grund dafür sofort bei Dir selbst? Oft führen wir unser Versagen auf etwas zurück, das wir selbst gar nicht beeinflussen konnten: Das Wetter, die Umstände, die anderen. Auch wenn die anderen die Verantwortung klar bei Dir sehen.

Selbstschutz durch den Self-Serving Bias

Grund für dieses Verhalten ist der Self-Serving Bias, zu Deutsch Selbstwertdienliche Verzerrung. Wir neigen in vielen Situationen dazu, gute Leistungen unseren Fähigkeiten und Mühen zuzuschreiben, während wir den Grund für Fehler und Misserfolge lieber über ungünstige äußere Umstände erklären. Die Aufgabe war zu schwer, die Chefin hat unklar kommuniziert, der Kollege zu viel abgelenkt. Bei Konflikten spielt der Denkfehler oft eine große Rolle: Bringe ich den Müll nicht raus, liegt es am Arbeitsstress, tut mein Partner das nicht, ist er – ganz klar – ein fauler Egoist.  

Psychologinnen und Psychologen machen unser Bedürfnis nach einem gesteigerten Selbstwert dafür verantwortlich und sehen darin auch eine Form des Selbstschutzes. Fehler zuzugeben fällt vielen sehr schwer und kratzt am Selbstvertrauen. Es gibt natürlich auch das Gegenteil: Etwa, wenn Menschen für alles, was schiefläuft, zunächst sich selbst verantwortlich machen. Je nach Situation kann dieselbe Person auch mal dem einen, mal dem anderen Denkfehler unterliegen – gesund und vernünftig ist beides nicht.  

Self-Serving Bias im Job

Insbesondere im Job kann der Self-Serving Bias verstärkt auftreten, weil hier unser Ruf und auch unser Gehalt auf dem Spiel stehen. Eigenes Versagen zuzugeben fällt umso schwerer, wenn unsere Existenz davon abhängen könnte. Das kann uns in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Wie alle Denkfehler beeinträchtigt der Self-Serving Bias unsere Fähigkeit, Probleme zu erkennen und richtig zu beurteilen. Wenn sich niemand für Fehler verantwortlich fühlt, können ganze Projekte gefährdet werden. Ganz zu schweigen davon, dass es weder bei der Führung noch bei den Kolleginnen und Kollegen gut ankommt, wenn wir nur dann Verantwortung zeigen, wenn es gut läuft, und es partout nicht einsehen, wenn wir zu Misserfolgen beigetragen haben.

Fatal ist es auch, wenn eine Führungskraft dem Self-Serving Bias erliegt. Sobald der “Kopf” Teil des Problems ist, wird es immer schwierig. Führungskräfte sollten sich stets bewusst sein, wer sie unterstützt und ihnen zu dem Erfolg verholfen hat. Vorgesetzte, die bei Erfolgen selbst die Lorbeeren ernten, die Mitarbeitenden jedoch für alle Missgeschicke verantwortlich machen, untergraben jegliches Vertrauen. Eine geschwächte Moral, ineffiziente Arbeit und gesteigerte Fluktuation könnten folgen.

Self-Serving Bias

4 Tipps, um dem Self-Serving Bias zu begegnen

  1. Entwickle ein Bewusstsein für den Self-Serving Bias. Das mag banal klingen, aber Du tappst leichter in die Denkfalle, wenn Du sie nicht auf dem Schirm hast. Vielleicht ist Dir beim Lesen ja direkt eine Situation eingefallen, in der Du auch den Grund für ein schlechtes Ergebnis überall gesucht hast, nur nicht bei Dir selbst. Mach dir bewusst, in welchen Situationen Du typischerweise zum Self-Serving Bias neigst – wenn eine solche Situation dann das nächste Mal auftritt, fällt Dir Deine Denkfalle möglicherweise dann schon schneller auf.
  2. Versuche, langsamer zu denken. Kein leichtes Unterfangen in unserem hektischen Alltag. Doch Vorurteile entstehen unter anderem aus der Tendenz unseres Gehirns, zu schnell zu interpretieren. Wenn Dir das nächste Mal ein selbstwertdienlicher Gedanke begegnet, versuche, diesen distanziert zu betrachten und bewusst zu entscheiden, ob es in dieser Situation hilfreich und zielführend ist, diesen Gedankengang weiterzuverfolgen und den anderen die Schuld zu geben – oder ob es sinnvoller ist, aus einer losgelöst achtsamen Haltung heraus noch weitere Aspekte der Situation zu betrachten und aus dieser breiten Perspektive heraus vielleicht anders zu handeln.
  3. Lerne, besser mit Kritik umzugehen. Nimm Dir vor, bei kritischen Rückmeldungen zunächst einmal gut zuzuhören und auf vorschnelle Reaktionen wie Rechtfertigungen oder Schuldzuweisungen zu verzichten. Bei gerechtfertigter Kritik hilft Dir das, aus den eigenen Fehlern zu lernen und negatives Feedback besser zu akzeptieren. Und selbst, wenn (ein Teil der) Kritik ungerechtfertigt sein sollte, kannst Du Deine Gedanken dazu auch zu einem späteren Zeitpunkt anbringen.
  4. Selbstmitgefühl üben! Akzeptiere Deine Stärken und Schwächen und behandle Dich selbst wie einen guten Freund oder eine gute Freundin – auch wenn Du Deine oder fremde Erwartungen nicht erfüllt hast. Übernimm Verantwortung, aber mach Dich nicht fertig und erlaube Dir, nicht perfekt zu sein. 

Weitere Artikel in unserer Reihe Denkfehler im Alltag

Ruhl , C. (2021). Self-serving bias: definition and examples. Simply Psychology. www.simplypsychology.org/Self-serving-bias.html 

Stangl, W. (2021). Stichwort: ’selbstwertdienliche Verzerrung – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
https://lexikon.stangl.eu/4915/selbstwertdienliche-verzerrung 

Walther, J. B., & Bazarova, N. N. (2007). Misattribution in virtual groups: The effects of member distribution on self-serving bias and partner blame. Human Communication Research, 33(1), 1-26. 

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