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„Entscheidend für jede Entwicklung“: Florian Mennigen über Akzeptanz 

Mit Rückschlägen kennt sich Florian Mennigen aus: Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking trat der Ruderer im Deutschland-Achter an – und belegte den letzten Platz. Doch die folgenden Weltmeisterschaften gewann die Mannschaft drei Mal in Folge. Nach dem Olympia-Sieg 2012 beendete er seine Karriere. Heute arbeitet er als Psychotherapeut und Dozent. Wir sprechen über den Umgang mit Niederlagen, über Veränderungen und über Akzeptanz.

Lieber Florian, reden wir über Niederlagen. 2008, letzter Platz in Peking: Wie war das?  

Das war natürlich niederschmetternd. Ein totaler Schock. Die erste Reaktion war tatsächlich: alle Verantwortung von uns selber, von mir selber wegzuschieben. Das ist vielleicht nicht der professionellste oder gesündeste Umgang mit so einer Niederlage. Aber in dem Moment mussten wir erstmal einen Weg finden, überhaupt klarzukommen. Dann konnten wir akzeptieren, dass es passiert ist. Und gleichzeitig schauen: Was können wir daraus lernen? 

Warum hat es 2008 nicht geklappt?  

Individuell waren wir alle fit, schnell und gut drauf. Ich persönlich war in diesem Olympia-Jahr aufs Gewicht gerechnet so fit und so stark, wie die ganzen Jahre später nicht mehr. Aber als Mannschaft haben wir überhaupt nicht gut zusammen funktioniert.  

Und was habt ihr dann verändert? 

Einiges. Ich glaube, entscheidend war der Umgang mit diesem Rückschlag: Das ist passiert und das lässt sich nicht mehr ändern. Worauf kann nicht mich jetzt fokussieren? Wir haben das nicht bewusst getan, da kam niemand mit metakognitiven Kenntnissen und sagte: Jungs, ihr müsst das so machen. Die Einsicht kam eher automatisch – es bringt nichts mehr, groß darüber nachzudenken und wir lernen unsere Lektion daraus.  

Was war für dich persönlich für den späteren Erfolg verantwortlich? 

Die absolute Bereitschaft zur Zusammenarbeit, sich selber mal zurückzunehmen und zu sagen: Wir sind jetzt das Team. Es ist egal, ob einer besonders kompetent oder schlau ist. Aber gleichzeitig auch an den entscheidenden Stellen zu wissen, wann man etwas beitragen muss oder etwas sagen sollte. Wann es der Mannschaftsentwicklung dienlich ist.  

Ein Beispiel?  

Kurz vor den Spielen in London, nachdem wir drei Mal die Weltmeisterschaften gewonnen hatten, hatten wir auch Phasen, wo es schlecht lief, wo alle kaputt oder angeschlagen waren. Jungs, reißt euch zusammen, hätte man einfach sagen können. Aber an der Stelle war es wichtig zu sagen: Es ist zwar nicht optimal, aber wir kriegen das schon hin. Und wenn ein Rennen mal extrem gut lief und etwas Übermut aufkam, trotzdem auf dem Boden zu bleiben. Diese Art und Weise des Umgangs miteinander war entscheidend. Über die Jahre entstand so immer größeres und tieferes Vertrauen in der Mannschaft. Das war maßgeblich für den Erfolg. Sicherlich waren es auch metakognitive Kompetenzen, die zu dem Erfolg beitrugen. 

Metakognition

Gute metakognitive Fähigkeiten sind auch im Sport von entscheidender Bedeutung. Metakognition heißt das Wissen um das eigene Denken und die Auseinandersetzung mit mentalen Prozessen. Die Fähigkeit, konstruktiv mit Gedanken umzugehen, hinderliche Denkmuster zu erkennen und die Aufmerksamkeit bei Bedarf neu auszurichten ist notwendig, um das Potential des Einzelnen und des Teams auszuschöpfen – und mental fit zu bleiben. Mehr erfahren? Hier.

Inwiefern?

Diese Kompetenzen sind so grundlegend, dass sie in vielen verschiedenen Bereichen nützlich sind. Zum Beispiel eben der Umgang mit sportlichen Niederlagen. Ich arbeite als Psychologe mit Sportlerinnen und Sportlern und wir nutzen diese Strategien auch. Und auch als ich noch aktiv war: Das war ja eine sehr emotionale Zeit. Du trainierst 20, 25 Stunden in der Woche. Du bist die ganze Zeit ganz schön platt. Das als Gruppe hinzukriegen, auch Spaß dran zu haben, mal einen blöden Spruch zu reißen, wenn es besonders schwer ist – das ist halt auch ein wichtiger Faktor gewesen.  

Und da hat Metakognition geholfen? 

Mir persönlich sehr. Ein Professor hat uns mal mitgegeben: I won’t worry about it now, I’ll worry about it later. Dieser Gedanke hat mir geholfen, in bestimmten Momenten von Sorgen- und Grübelgedanken loszulassen und dann auch stressige Situationen besser zu bewältigen. Auf den Sport übertragen heißt es: Ich konnte mich auf das Training fokussieren und andere Gedanken, Sorgen, Klausuren, Stress mit der Freundin – erstmal beiseiteschieben.   

Ist Leistungssport ein ständiger Kampf gegen sich selbst? 

Ich glaube, wenn es ein ständiger Kampf ist, ist es vielleicht nicht die richtige Zeit, Leistungssport zu machen. In gewissem Maße gehört Akzeptanz der Härten total dazu. Schwierige Bedingungen sind der Normalzustand, man ist erschöpft, wenn man im Regen oder Schnee seinen Sport macht. Natürlich meckert man mal rum. Aber Fragen wie „Will ich das alles?“ oder „Muss ich wirklich nochmal trainieren gehen?“ stellen sich nicht, wenn man das im Grundsatz akzeptiert hat und wenn man das so möchte. Natürlich geht man ein Stück weit über Grenzen hinaus, es ist eine Art Nicht-Beachten von Bedürfnissen und körperlichen Grenzen. Aber es ist auch etwas, was Freude und Zufriedenheit bringt. Wie ein kanadischer Mit-Ruderer immer sagte: It doesn’t have to be fun to be fun 

Hattest du nach der Niederlage in Peking 2008 den Gedanken, aufzuhören?  

Nein, nicht wirklich. Für mich war schon sehr kurz danach klar: So kann ich nicht aufhören. Das können wir besser, ich will es nochmal versuchen. Aber gegen Ende meiner Leistungssportkarriere habe ich schon gespürt, dass es reicht. Und als wir in London über die Ziellinie gefahren sind und ich gemerkt habe, wir haben gewonnen – ich hätte mir kein besseres Karriereende wünschen können. Mit einem Olympia-Sieg aufhören zu können war ein echtes Geschenk. Das würde ich jedem wünschen. 

Kommen wir nochmal zum Thema Veränderungen. Welche mentalen Fähigkeiten braucht es, damit sie gelingen? 

Die Fähigkeiten, die wir alle haben: Sich zu fokussieren auf die Dinge, die schon gelungen sind. Und nicht nur darauf, was alles noch nicht gelingt. Das war auch in der Rudermannschaft so. Wir haben nicht immer wieder gemeckert, was schlecht ist, sondern geguckt: Was funktioniert? Und was können wir machen, damit es wieder läuft? 

Akzeptanz hilft also, um etwas zu verändern?

Ein weiteres Ruderbeispiel: Es gibt hunderttausende Ruderschläge in einer Trainingseinheit. Die wenigsten Schläge sind so, wie man sie gerne hätte. Diese metakognitive Fähigkeit, die Situation zu akzeptieren, ist entscheidend für jede Entwicklung, ob individuell oder in Unternehmen. Und es ist nichts Statisches, es passiert ja immer wieder was. Es geht darum, immer wieder das anzunehmen, was ist – auch wenn man gerade mal im Tal ist, was zu jedem Entwicklungsprozess dazugehört. Und sich immer wieder darauf zu fokussieren: Was können wir jetzt tun?  
 

Welche Rolle spielt Metakognition in Deinem Alltag? 

Ich glaube, metakognitive Methoden spielen bei jedem eine Rolle und jeder nutzt sie. Ich persönlich natürlich auch, als Therapeut und auch für mich selbst. Auf dem Weg hierher gab es eine Umleitung auf der Autobahn und ich wusste, ich komme zu spät. Das musste ich akzeptieren (schmunzelt).   

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