Hier entlang für:

Confirmation Bias: Wie wir Stillstand erzeugen

Unsere Meinung ändern: Kaum etwas fällt uns so schwer. Deshalb übersehen, ignorieren und misstrauen wir Fakten, die unserem Weltbild widersprechen. Das nennt sich Confirmation Bias, zu Deutsch Bestätigungsfehler. Warum wir glauben, was wir glauben wollen – und was dagegen hilft.

Nehmen wir an, Du führst ein Unternehmen – und es läuft gar nicht gut. Dein Gefühl sagt: Die Angestellten sind viel zu unproduktiv, daran muss es liegen. Nun schaust Du Dich im Büro um. Kollege A sieht (viel zu) entspannt aus, Kollegin X macht (mal wieder) eine Raucherpause, Kollegen Y und Z halten einen Plausch (ganz bestimmt über Privates). 

Du machst also eine Ansage, schickst wütende Mails und erwartest mehr Engagement. Und doch wird es nicht besser. Ganz klar: Du bist umgeben von Faulpelzen, denen nicht viel an ihrer Arbeit liegt. Dass Dein Unternehmen seine Marketingstrategie seit zwei Jahrzehnten nicht überarbeitet hat – so weit kommen Deine Gedanken nicht. Herzlichen Glückwunsch, der Confirmation Bias hat Dich fest im Griff.

Wir korrigieren nur ungern unsere Meinungen

Der Confirmation Bias bezeichnet die Tendenz, nur an die Informationen zu glauben, die das eigene Weltbild stützen. Seinen Namen verdankt der Denkfehler dem englischen Psychologen Peter Wason und wird seit den 1960er Jahren systematisch erforscht. Studien zeigen: Wir suchen, interpretieren, bevorzugen und erinnern uns vor allem an die Dinge, die unserer Meinung entsprechen. Was dagegen spricht, ignorieren wir hingegen – und das kann Konsequenzen haben.  

Die Welt wird immer gewalttätiger, es gibt mehr Hunger, Leid und Kriminalität? Die Zahlen sagen ganz deutlich das Gegenteil. Dennoch lassen sich viele Menschen nicht bekehren. Verfestigte Meinungen sind schwer zu stürzende Gebilde. Corona, Klimakrise oder die US-Wahlen der letzten Jahre führen das exemplarisch vor. Wer denkt, Menschen seien im Kern schlecht, wird viele Beispiele finden, die dafür sprechen. Wer das Gegenteil glaubt, ebenfalls. Wir mögen es eben nicht, unsere verfestigten Ansichten zu korrigieren. Oder zugeben, dass wir falsch gelegen haben. Oder womöglich unser ganzes Weltbild überdenken. Das ist anstrengend – und womöglich peinlich. 

Confirmation Bias verzerrt Dein Weltbild

Deshalb bekommt alles, was unsere Ansichten bestätigt, automatisch mehr Gewicht. Wir bevorzugen Kontakt zu Menschen, die unsere Ansichten teilen und vergessen Informationen, die unserer Meinung widersprechen. Das findet sich in jedem Bereich: Ärzt:innen halten oft an Erstdiagnosen fest und ignorieren Zeichen, die auf etwa anderes hindeuten. Hypochonder:innen sehen in jedem Wehwehchen den nahenden Tod. Und eifersüchtige Menschen sehen überall Zeichen für die Untreue des oder der Geliebten.  

Natürlich verstärken Social Media den Confirmation Bias, sind die Algorithmen doch darauf ausgerichtet, überwiegend Informationen auszuspielen, die unsere Filterblase stützen. Im schlimmsten Fall kann der Confirmation Bias zu einer Self-Fullfilling Prophecy (sich selbst erfüllende Prophezeiung) führen – zum Beispiel, wenn Deine Mitarbeitenden keine Lust mehr auf Deine Vorwürfe und Deine autoritäre Führungsart haben, in Folge innerlich kündigen und tatsächlich unproduktiver werden. So können auch Vorurteile nach und nach verstärkt werden und ungünstige Denkprozesse sich immer weiter verfestigen.

Selbstbestätigung verhindern: Nur wie?

Bildung und Horizonterweiterung, kritisches Denken, und auch ein gelegentlicher Schritt raus aus der eigenen Blase können natürlich helfen. Lies Bücher, gut recherchierte Artikel, Statistiken. Sich von den eigenen Emotionen zu distanzieren, so schwer es auch fällt, hilft ebenfalls. Wenn Forschende eine These überprüfen wollen, suchen sie nicht nach Belegen, die ebendiese bestätigen, sondern versuchen, sie zu widerlegen. Wenn Du es Dir zur Gewohnheit machst, Dich bewusst auch mit Meinungen und Ansichten zu beschäftigen, die nicht Deinen eigenen entsprechen, bist Du weiter als die meisten anderen Menschen.  

Der Autor Rolf Dobelli, der den Confirmation Bias den „Vater aller Denkfehler“ nennt, schlägt vor: Schreibe Deine stärksten Überzeugungen auf. Hier ist das Potenzial zur Selbsttäuschung nämlich besonders hoch. Je mehr Dir etwas am Herzen liegt, desto stärker der Effekt. Deshalb ist es nahezu unmöglich, Menschen von gegenteiligen politischen oder religiösen Ansichten zu überzeugen. Du selbst kannst Dich fragen: „Gibt es Themen, bei denen ich besonders emotional reagiere, insbesondere wenn ich mit gegenteiligen Meinungen konfrontiert bin? Gibt es Themen, bei denen ich mich gegenüber neuen Informationen verschließe?“

Versuche, nachdem Du Dir Deine persönlichen gedanklichen Stolperfallen bewusst gemacht hast, diese im Alltag wahrzunehmen und zu überprüfen, ob es wirklich hilfreich ist, diesen Denkimpulsen zu folgen. Oftmals stellt sich dann heraus, dass es sinnvoller ist, sich von diesen Gedanken zu lösen und den eigenen Blickwinkel zu öffnen. Aus einer inneren Haltung der Offenheit heraus kann es gelingen, die verfügbaren Informationen objektiver zu beurteilen und ggf. die eigene Meinung anzupassen. Wichtig dabei kann es auch sein, es sich selbst zu erlauben, die eigene Meinung ändern zu dürfen und dies nicht als Zeichen von Schwäche, sondern persönlichen Wachstums zu werten.

Bedenke: Confirmation Bias gänzlich loswerden ist unmöglich. Wir urteilen eben nicht objektiv und oftmals ist das auch völlig in Ordnung, denn unser Gehirn braucht Abkürzungen. Doch um schlechten Entscheidungen und einer gewissen Engstirnigkeit vorzubeugen, kann ein wenig mentale Hygiene sicherlich nicht schaden.

Weitere Artikel in unserer Reihe Denkfehler im Alltag

Stangl, W. (2021). Link: https://lexikon.stangl.eu/3159/bestaetigungstendenz-bestaetigungsfehler
Wason, Peter C. (1968). „Reasoning about a rule“, Quarterly Journal of Experimental Psychology, 20 (3): 273–28.  doi:10.1080/14640746808400161
Mendel, R. et al. (2011). Confirmation bias: Why psychiatrists stick to wrong preliminary diagnoses. Psychological Medicine, 41(12), 2651-2659. doi:10.1017/S0033291711000808
JaeHong Park et al. (2013). Information Valuation and Confirmation Bias in Virtual Communities: Evidence from Stock Message Boards. Information Systems Research 24(4):1050-1067. https://doi.org/10.1287/isre.2013.0492
Blackburn, Ivy-Marie; Davidson, Kate M. (1995), Cognitive therapy for depression & anxiety: a practitioner’s guide (2 ed.), Wiley-Blackwell, p. 19.

Das könnte Dich interessieren: