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Wearables – nicht alles, was misst, macht gesünder

Ein Armband, das den Cortisolspiegel misst. Ein Ring, der vor schlechter Luft warnt. Immer mehr KI-Wearables versprechen bessere Gesundheit am Arbeitsplatz. Doch wie zuverlässig sind diese Werte wirklich – und was macht die permanente Selbstvermessung mit uns?

Wearables

 

Es ist 9:17 Uhr. Jonas Müller hat sein erstes Meeting hinter sich. Seine Hand geht Richtung Kaffeetasse, da stellt sein Armband fest, dass sein Cortisolspiegel um 12 Prozent über dem Durchschnitt liegt, seine Herzratenvariabilität „suboptimal“ ist. Die KI empfiehlt: Atemübung, grünen Tee statt Kaffee und ein zehnminütiges „Resilienz-Micro-Training“. Noch bevor er seine Matte ausrollt, erscheint dezent ein Hinweis: Die Sauerstoffsättigung des Raumes sei für kreatives Denken ungeeignet. Lüften wird empfohlen. Der Ring am Finger vibriert leise die Hautleitfähigkeit: 14,3 Mikrosiemens. Was das bedeutet, weiß Jonas nicht. Da fällt ihm sein Schlafphasenprofil von heute früh ein: „erhöhte Erschöpfungsneigung“. Sein Ring vibriert erneut. Bis eben fühlte er sich eigentlich ganz gut.

KI-Tools im betrieblichen Gesundheitsmanagement – die Qual der Wahl

Euphorisch wird KI in unseren Arbeitsalltag integriert. 2021 nutzte in Deutschland jedes neunte Unternehmen KI, 2024 war es bereits jedes fünfte, bei Großunternehmen sogar jedes zweite (Quelle: Destatis 2024). KI verändert still, wie wir arbeiten, entscheiden und uns selbst wahrnehmen. Auch im betrieblichen Gesundheitsmanagement sind immer mehr Tools und Wearables zu finden, die individuelle Daten in Echtzeit analysieren und uns Empfehlungen geben, was jetzt zu tun ist.

Smartwatches, Fitnessbänder und smarte Ringe messen: Herzfrequenz, Herzratenvariabilität (HRV), Blutsauerstoff, Atemfrequenz und Schlafphasen. Sie analysieren Stressmuster in Echtzeit. Bereits 2021 testeten Unternehmen wie BASF Smart Shirts, die über integrierte Sensoren Daten zur Stressmessung ableiten (Handelsblatt, 2021). 

Andere BGM-Geräte für den Schreibtisch erkennen per Sensor: Haltung, Bewegung, Licht, Luftqualität, Lautstärke und Trinkverhalten. Sie geben automatisch Hinweise für gesundheitsförderliche Verhaltensweisen. Der Trend geht weiter in Richtung Smarte Kopfhörer, Schuhsohlen, Gürtel, Pflaster, Halsketten, Ohrringe – die Kreativen sitzen in den Startlöchern, um uns mit weiteren Tools zu verführen (Bitkom, 2024). Nicht ohne Grund, denn 72 Prozent der Deutschen sagen, detaillierte Körperdaten sind sinnvoll, um Krankheiten vorzubeugen oder rechtzeitig zu erkennen. 66 Prozent sind überzeugt, dass die Daten eine gesunde Lebensführung unterstützen (Bitkom, 2024).

Für HR-Verantwortliche klingt das nach einem Traum: endlich ein BGM-Angebot mit hoher Reichweite, das Mitarbeitende tatsächlich nutzen. Endlich Prävention, die nicht im Kalender geplant werden muss und dann im Alltag vergessen wird, sondern ganz automatisch tagtäglich mitläuft.

Und das Beste, besonders für Unternehmen, in denen Budgets für mentale Gesundheit noch immer diskutiert werden müssen, liefern diese Geräte „echte datenbasierte Gesundheitsförderung“.

KI-Tools im betrieblichen Gesundheitsmanagement – Fluch oder Segen?

Die Gesundheit und die Arbeitsfähigkeit durch KI-unterstütze Tools zu schützen, ist ein neuer Trend. Doch was hat das für Auswirkungen auf unser Denken, Fühlen und Handeln, wenn wir einen wichtigen Teil der Selbstwahrnehmung an einen Algorithmus outsourcen?

Zahlen sind Fakten – oder?

Wenn das Display meldet „Stresslevel: erhöht“, dann ist das so, oder? Wer hinterfragt, wie diese Interpretation zustande kommt? Die wenigsten. Was viele nicht wissen: Viele der Werte, die Wearables erheben, sind keine direkten „wahren Werte“, sondern Schätzungen. HRV, Schlafphasen, Stresslevel – sie werden aus Rohdaten errechnet und von Algorithmen interpretiert. Sie alle beinhalten einen statistischen Messfehler.  Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 im Fachjournal Physiological Measurement zeigt: Der mittlere absolute Fehler beim Kalorienverbrauch gängiger Smartwatches liegt bei knapp 28 Prozent. Auch bei Herzfrequenz und HRV variieren die Ergebnisse je nach Gerät, Hautfarbe, Bewegung und Körperzusammensetzung (Choe & Kang, 2025).

Eine ehrliche KI müsste eigentlich sagen: „Ihr Stresslevel liegt gerade bei 67 – wobei bei 95 von 100 Messungen unter gleichen Bedingungen ein Wert zwischen 56 und 78 möglich wäre.“

Wer diese Geräte sinnvoll zur Unterstützung der eigenen Gesundheit nutzen möchte, braucht Datenkompetenz und Gesundheitskompetenz. Die HRV-Messung hält beispielsweise seit einigen Jahren Einzug in Angebote zum Stressmanagement und wird als Belastungsindikator verwendet. Viele Wearables jedoch messen die Pulsvariabilität und berechnen daraus die sogenannte HRV. Die Analyse der HRV auf Basis von Pulswellenmessungen wird in nationalen Leitlinien ausdrücklich nicht empfohlen (Böckelmann & Sammito, 2020)

Was Zahlen mit uns machen – „you get what you measure“

In der Wirtschaft kennt man das Phänomen „you get what you measure“: Wer Innovation über die Zahl der Patente misst und belohnt, bekommt mehr Patente — aber nicht unbedingt mehr echte Innovation. Der Grund: Messen ist keine neutrale Beobachtung, sondern es verändert das System. Sobald wir etwas messen, zum Beispiel die Schlafqualität, lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf das Thema Schlaf, aber automatisch auch auf das Thema Schlaflosigkeit. „Where focus goes – energy flows“ und das hat wiederum Einfluss auf unser Verhalten. Die Messung ist damit selbst schon Bedrohungsmonitoring — sie löst das Problem nicht, sie hält die Aufmerksamkeit daran fest.

Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein Teil der Wearable-Nutzenden dadurch verstärkt Unsicherheit, Ängste und ungünstige Selbstbeobachtung entwickelt. Wer permanent auf Herzfrequenz und Stresslevel schaut, trainiert erhöhte Wachsamkeit. Fehlt jedoch die Fähigkeit, sich von angstbesetzten Gedanken zu distanzieren, entsteht schnell ein Teufelskreis aus Stress, Druck und Schuldgefühlen beim Verfehlen von Tageszielen.

Andere Nutzende berichten dagegen von mehr Motivation, Selbstwirksamkeit und Sicherheit — sie übernehmen aktiv Verantwortung für ihre Gesundheit.

Digitale Gesundheitstools können Aufmerksamkeit also in Richtung Druck oder Motivation lenken. Der entscheidende Unterschied liegt in der Fähigkeit, Messwerte richtig einzuordnen und sich von voreiligen Interpretationen zu distanzieren. Das erfordert Metakognition: das eigene Denken beobachten, Muster erkennen und bewusst steuern zu können. Diese Distanz ermöglicht Handlungsspielraum und entscheidet darüber, ob Zahlen uns stärken oder verrückt machen.

KI-Tools im betrieblichen Gesundheitsmanagement: KI-gestützte Helfer vs. Selbstregulation – oder beides?

Wearables können als Impuls verstanden werden, als kleine Erinnerung ab und zu mal zu schauen, welche Priorität die eigene Gesundheit gerade hat. Wenn diese Tools jedoch ohne Nutzungskompetenz eingesetzt werden, dann besteht die Gefahr, dass sie ungünstiges Monitoring – im Sinne von problematischer Selbstbeobachtung – unterstützen.

Für Unternehmen bedeutet das: Wenn man Mitarbeitenden KI-basierte Gesundheitstools zur Verfügung stellt, sollte man von Anfang an mitdenken, welche Kompetenzen dafür nötig sind, damit sie die Gesundheit auch fördern. Vielleicht entfalten KI-basierte Wearables erst dann ihre Wirkung, wenn wir auch lernen, ihnen keine Beachtung zu schenken.  

E-Mail

Metakognition verstehen – in 5 Mails

In den nächsten 5 Wochen erhältst Du eine E-Mail pro Woche und lernst wichtige Basics über Deine Denkprozesse und welche Rolle Metakognitionen dabei spielen. 

Bitkom Research. (2024, 3. September). Consumer Technology 2024: Wearables etablieren sich als neuer Trendmarkt. https://bitkom-research.de/news/consumer-technology-2024-wearables-etablieren-sich-als-neuer-trendmarkt

Böckelmann, I. & Sammito, S. (2020). Herzfrequenzvariabilitätsanalyse in der betriebsärztlichen Praxis. Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie, 70, 269–277. https://doi.org/10.1007/s40664-020-00401-x

Choe, J. P. & Kang, M. (2025). Apple Watch accuracy in monitoring health metrics: A systematic review and meta-analysis. Physiological Measurement. https://doi.org/10.1088/1361-6579/adca82

Handelsblatt. (2021, 8. Dezember). Corporate Health Award: Diese Unternehmen fördern die Gesundheit ihrer Mitarbeiter vorbildlich. https://www.handelsblatt.com/technik/medizin/corporate-health-award-diese-unternehmen-foerdern-die-gesundheit-ihrer-mitarbeiter-vorbildlich/27872404.html

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