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KI – ein mächtiges Werkzeug braucht kluge Köpfe

KI verändert unseren Alltag in einem rasanten Tempo und mit unvorhersehbaren Folgen. Die Auswirkungen von KI auf unsere Psyche sind noch kaum beforscht, entsprechend werden dargestellte Szenarien meist von Annahmen und Hypothesen dominiert. Dabei nutzen Millionen Menschen täglich KI‑Tools – häufig ohne zu wissen, wie sich das langfristig auf unser Denken, Fühlen und Verhalten auswirkt. Deshalb braucht es KI-Strategien, die mehr berücksichtigen als nur Technologie. Dieser Artikel ist eine Einladung, neugierig und kritisch zu reflektieren, welche Chancen KI für unsere mentalen Fertigkeiten bietet, und welche Kompetenzen wir brauchen, um KI-Tools nützlich und gewinnbringend für uns einzusetzen.

Dekorativ - symbolisch für KI-Strategien

Verlernen wir das kritische Denken durch KI? 

Künstliche Intelligenz ist im Alltag nicht mehr wegzudenken. Im Unternehmen übernimmt sie Aufgaben, für die wir früher Stunden brauchten: Sie fasst 40-seitige Reports in drei Absätze zusammen, beantwortet Kundenanfragen um 3 Uhr morgens und analysiert Datensätze schneller als jedes Team. Kurz: Sie ist die Mitarbeitende, die nie schlechte Laune hat, nie Urlaub braucht und auf die Frage „Kannst du das kurz übernehmen?“ immer „Ja“ sagt.  

Doch was passiert, wenn die KI die Denkarbeit übernimmt? Wie wirkt sich das auf unsere mentalen Fertigkeiten aus? 

Michael Gerlich von der Swiss Business School wollte 2025 wissen, was regelmäßige KI-Nutzung eigentlich mit unserem kritischen Denken macht. Er befragte 666 Menschen (Studierende, Berufstätige – verschiedene Altersgruppen) zu ihren KI-Gewohnheiten und untersuchte gleichzeitig ihre Fähigkeit zum kritischen Denken.  

Die Ergebnisse zeigen, dass zwischen dem Einsatz von KI‑Tools und kritischem Denken ein signifikanter negativer Zusammenhang besteht. Diese Korrelation könnte verschiedene Erklärungen haben, zum Beispiel:  

  • Menschen, die ohnehin weniger kritisch denken, greifen häufiger zu KI-Tools. 
  • Ein dritter Faktor – wie Selbstvertrauen oder Berufsfeld – verursacht beides.
  • Oder, und so wird es in der Studie interpretiert, je stärker Menschen KI nutzen, desto weniger setzen sie eigenes kritisches Denken ein. 

Die Autoren nehmen an, dass kognitive Entlastung (Cognitive Offloading) der entscheidende Mechanismus zu sein scheint. Das Phänomen der kognitiven Entlastung beschreibt das Auslagern von Denkarbeit an externe Hilfsmittel. Was früher beispielsweise der Taschenrechner war, der uns das Kopfrechnen abnahm, ist heute die KI, die uns beim Problemlösen, dem Treffen von Entscheidungen oder der Bewältigung von Informationen hilft.  

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass eine starke KI-Nutzung mit kognitiver Entlastung einhergeht und dass die Menschen, die ihr Nachdenken outsourcen, wiederum weniger kritisch denken.  

Wenn KI übernimmt, erscheint die Notwendigkeit, selbst zu analysieren, zu prüfen oder zu hinterfragen, zu sinken. 

Das könnte bedeuten, dass je mehr wir an KI auslagern, desto weniger trainieren wir zentrale Denkfähigkeiten. Doch kurzfristige Effizienz schwächt möglicherweise langfristig die Fähigkeit zum kritischen Denken.  

Für Unternehmen bedeutet das: Wenn KI-Tools eingeführt werden, dann sollte gleichzeitig kluges Denken und der bewusste Umgang damit geschult werden. Ohne einen bewussten Umgang mit KI-Tools riskieren Unternehmen, die Kompetenzen zu schwächen, die keine KI ersetzen kann – nämlich Urteilsvermögen, Problemlösung und strategisches Denken. Mitarbeitende benötigen die Fähigkeit, eigene Denkmuster und Automatismen kritisch zu hinterfragen. Schlüsselfertigkeiten, die mit Metakognition (Denken über unser Denken) direkt in Verbindung stehen.   

Wie sich die Nutzung von KI-Tools auf die Fähigkeit, kritisch zu denken, bei Wissensarbeitern auswirkt, untersuchten auch Microsoft Research und die Carnegie Mellon University:  

319 Fachkräfte berichteten aus 936 realen Arbeitsbeispielen. 

Die Ergebnisse zeigen folgenden Zusammenhang: Höheres Vertrauen in die KI war mit weniger selbstberichtetem kritischem Denken assoziiert. Höheres Vertrauen in die eigene Kompetenz ging mit mehr kritischem Denken einher.  

Die Studie kann nicht belegen, was was verursacht. Aber das Muster ist eindeutig: Wer sich auf die KI verlässt, scheint weniger zu hinterfragen. Wer sich auf sich selbst verlässt, scheint die KI als Werkzeug zu nutzen und trainiert gleichzeitig die eigene Fertigkeit, kritisch zu denken.  

Wenn KI den Kopf zum Kochen bringt 

Eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group, im März 2026 in der Harvard Business Review veröffentlicht, bringt einen weiteren Aspekt in die Diskussion: Was passiert kognitiv, wenn Mitarbeitende täglich mehrere KI-Systeme gleichzeitig überwachen und steuern? 

Bedard und Kolleg:innen  befragten 1.488 Vollzeitbeschäftigte in US-amerikanischen Unternehmen zu ihren KI-Nutzungsmustern und deren kognitiven Auswirkungen. Das Ergebnis: Die Befragten berichteten sogenanntes AI Brain Fry (mentale Erschöpfung, die entsteht, wenn die Interaktion mit KI-Tools die eigene Denkkapazität übersteigt).  

Besonders das Überwachen und Korrigieren der KI-Ergebnisse ist mental erschöpfend. Häufig vergrößert KI die Arbeitslast, weil Mitarbeitende plötzlich mehr Outputs überwachen, mehr Ergebnisse verantworten und mehr Informationen in derselben Zeit verarbeiten sollen. Durch KI wird das Tempo gesteigert sowie die damit einhergehende Verantwortung erhöht, was sich negativ auf unser Wohlergehen auswirken kann.  

Auch diese Autorinnen und Autoren betonen, dass KI Routinetätigkeiten übernehmen kann und dass sich dies entlastend auswirkt.  Es ist somit entscheidend, für welche Aufgaben KI wie eingesetzt wird. 

KI-Strategien mit Weitblick: Metakognition als Erfolgsfaktor

Die vorgestellten Studien sind methodisch unterschiedlich stark und erlauben noch keine gesicherten Schlussfolgerungen. Sie dienen aber als wertvoller Denkanstoß, denn eines ist klar: KI verändert, wie wir denken. Ob wir es bemerken oder nicht, hängt davon ab, inwieweit wir unsere Denkarbeit metakognitiv beobachten können und wollen.  

Metakognition bedeutet schlicht: das eigene Denken bewusst wahrnehmen zu können. Es ist die Fähigkeit, den eigenen Denkprozess zu beobachten, zu bewerten und bei Bedarf zu korrigieren. Wer metakognitiv kompetent ist, betrachtet und hinterfragt den Prozess. Aus „Was sagt die KI?“ wird „Warum greife ich jetzt zur KI? Steigere ich dadurch meine Effizienz – oder möchte ich die Denkarbeit vermeiden? Welche Kompetenz gebe ich an die KI ab, welche möchte ich bewusst selbst beherrschen?“ 

Wer metakognitiv arbeitet, nutzt das eigene Denken und den Einsatz von KI bewusster und ist damit in der Lage genau die eigenen Denkfähigkeiten, die langfristig den Unterschied machen, zu schützen. 

Metakognitives Denken bedeutet, sich Fragen zu stellen, wie: „Prüfe ich den Output kritisch – oder übernehme ich ihn unreflektiert? Würde ich diese Antwort auch ohne KI so vertreten können?“  

Das unkritische Übernehmen von KI-Ergebnissen kann zu Fehlern führen, die Konsequenzen für Qualität, Reputation oder Haftung haben können. Bewusste KI-Nutzung ist damit auch strategisches Risikomanagement. 

Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei jüngere Mitarbeitende: Gerlichs Studie zeigt, dass sie am anfälligsten für KI-Abhängigkeit sind und gleichzeitig die niedrigsten Werte im kritischen Denken aufweisen. Wer von Beginn an mit KI arbeitet, ohne kritische Reflexionskompetenz zu entwickeln, baut diese Fähigkeiten möglicherweise gar nicht erst auf. Das merkt das Unternehmen erst Jahre später, wenn es darauf ankommt. 

Für HR bedeutet das einen konkreten Handlungsauftrag: Metakognition gehört in jede KI-Strategie und somit in jedes KI-Onboarding. Wer Mitarbeitende nur in der Bedienung von KI-Tools schult, gibt ihnen ein leistungsstarkes, machtvolles Werkzeug in die Hand, ohne zu erklären, wie man es langfristig klug und sicher nutzen kann. Die Fähigkeit, die eigene KI-Nutzung zu reflektieren, ist eine Kernkompetenz in der modernen Arbeitswelt. Mit der positiven Nebenwirkung: Es trainiert kritisches Denken, ermöglicht den Blick über den Tellerrand, schont Nerven und schützt die Mitarbeitenden vor unnötiger Belastung und das Unternehmen vor vermeidbaren Fehlern und Kosten.   

E-Mail

Metakognition verstehen – in 5 Mails

In den nächsten 5 Wochen erhältst Du eine E-Mail pro Woche und lernst wichtige Basics über Deine Denkprozesse und welche Rolle Metakognitionen dabei spielen. 

Bedard, J., Kropp, M., Hsu, M., Karaman, O. T., Hawes, J., & Rosen Kellerman, G. (2026, März). When using AI leads to „brain fry.“ Harvard Business Review. https://hbr.org/2026/03/when-using-ai-leads-to-brain-fry 

Gerlich, M. (2025). AI tools in society: Impacts on cognitive offloading and the future of critical thinking. Societies, 15(1), Artikel 6. https://doi.org/10.3390/soc15010006 

Lee, H. P., Sarkar, A., Tankelevitch, L., Drosos, I., Rintel, S., Banks, R., & Wilson, N. (2025). The impact of generative AI on critical thinking: Self-reported reductions in cognitive effort and confidence effects from a survey of knowledge workers. In Proceedings of the 2025 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (Artikel 748). ACM. https://doi.org/10.1145/3706598.3713778 

 

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