Mentale Dauerlast durch überhöhte Ansprüche
Hohe Ansprüche an sich selbst gelten in vielen Unternehmen noch immer als Zeichen von Professionalität. Doch für viele Menschen fühlt sich dieser Anspruch längst nicht mehr wie ein Antrieb an, sondern er bereitet unbewussten Stress und wirkt langfristig demotivierend. Laut TK Stressreport (2025) sind übersteigerte Selbstansprüche inzwischen die häufigste Ursache für Stress – sie belasten sechs von zehn Menschen in Deutschland.
Besonders deutlich wird das in Situationen, in denen Erreichbarkeit und Leistungsbereitschaft scheinbar selbstverständlich geworden sind. Die Studie von Hartanto et al. (2025) zeigt, dass Menschen, die das Gefühl haben, immer verfügbar und leistungsbereit sein zu müssen, häufiger Burnout-Symptome wie emotionale Erschöpfung, Gefühle von Unzulänglichkeit und Zynismus entwickeln. Und hier beginnt der gefährliche Kreislauf: Je erschöpfter sie sind, desto stärker wächst der innere Drang, noch schneller zu reagieren, noch mehr zu leisten, noch weniger Schwäche zu zeigen. Was als Engagement beginnt, kippt in eine mentale Dauerlast, die sich leise, aber stetig aufbaut.
Unausgesprochene, falschverstandene Erwartungen im Team
Mitarbeitende, die hohe Erwartungen an sich selbst haben, neigen häufig zur Selbstoptimierung, Perfektionismus und Überverantwortung. Sie versuchen, jeder Anforderung gerecht zu werden und verlieren dabei manchmal die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, Grenzen zu ziehen und Pausen einzuhalten.
Was hilft, ist eine klare und transparente Kommunikation von Erwartungen. Mitarbeitende müssen wissen, was tatsächlich von ihnen verlangt wird und was nicht, denn ohne diese Orientierung entstehen schnell Missverständnisse: Eine E‑Mail der Führungskraft um 22 Uhr kann leicht als Signal verstanden werden, sofort reagieren zu müssen oder selbst bis spät in die Nacht erreichbar zu sein.
In unseren Trainings berichten viele Führungskräfte, dass ihnen nicht bewusst war, wie sehr ihr eigenes Verhalten, z.B. späte Nachrichten, ständige Erreichbarkeit, selbst im Urlaub von Mitarbeitenden als stiller Standard interpretiert wird. Mitarbeitende orientieren sich daran, oft unbewusst, und vergleichen sich damit. Umso wichtiger ist es, klar zu kommunizieren, welche Reaktionszeiten gelten, welche Arbeitszeiten erwartet werden und dass Erreichbarkeit außerhalb der regulären Zeiten nicht immer vorausgesetzt wird. Liegen Sondersituationen vor, dann sollte dies klar kommuniziert werden.
Führungskräfte mit hohen Ansprüchen an sich selbst und mit überdurchschnittlicher Leistungsfähigkeit können durch unklare Kommunikation ungewollt dieselben Erwartungen im Team prägen.
Wenn Tempo ansteckend wird: Der Entrainment Cycle
Ein weiterer Mechanismus, der erklärt, warum hohe Ansprüche und unausgesprochene Erwartungen so wirkmächtig sind, ist der sogenannte Entrainment Cycle, den Lupu und Liu (2025) in ihrer Forschung beschreiben. Die Studie basiert auf 159 Interviews mit Fachkräften aus der Wirtschaftsprüfung und einer internationalen Kanzlei. Die Befragten beschrieben ihren Arbeitsalltag als dauerhaft beschleunigt, geprägt von langen Arbeitszeiten, hoher Taktung und einer Kultur ständiger Dringlichkeit. Viele berichteten, dass sich diese Intensität über die Jahre weiter gesteigert hat und dass klare Grenzen, etwa zwischen Arbeit und Erholung, zunehmend verschwimmen. Obwohl die Unternehmen das Problem erkannt haben und Gegenmaßnahmen angekündigt wurden, zeigen die Erfahrungen der Mitarbeitenden, dass diese bislang kaum Wirkung entfalten.
Aber warum ist das so?
Lupu und Liu zeigen, dass Überlastung in solchen Organisationen nicht nur durch klare Vorgaben, Prozesse oder Leistungskennzahlen entsteht. Viel subtiler und oft viel mächtiger wirken die emotionalen und körperlichen Reaktionen, die manche Menschen dazu bringen, sich dem Tempo ihrer Umgebung anzupassen.
Denn wer im gleichen Rhythmus arbeitet wie das Team, spürt sofort die Belohnung: Man gehört dazu, man wird gesehen, man fühlt sich wirksam. Dieses Gefühl von Anschluss und Anerkennung sorgt dafür, dass äußere Erwartungen nach und nach zu eigenen werden. Was anfangs nur „unbewusst erlebt wird“, wird irgendwann zu einem inneren Anspruch, den man kaum noch hinterfragt.
Und wenn jemand doch einmal aus dem Takt gerät, weil die Müdigkeit überhandnimmt, ein privater Termin drängt oder der Körper eine Pause einfordert, dann treten Schuldgefühle, Stress, innere Leere auf oder die Sorge, andere im Stich zu lassen/ den Anschluss zu verpassen. Diese unangenehmen körperlichen und emotionalen Zustände führen schnell zum gewohnten Trott zurück.
Für Führung und HR in Unternehmen der wissensintensiven Dienstleistungen ist diese Dynamik hoch relevant, denn sie erklärt, warum viele gut gemeinte Maßnahmen ins Leere laufen können.
Unternehmensperspektive: warum „gut gemeint“ nicht immer gut ist.
Was will ein Unternehmen mehr als ein Team, das hohe Ansprüche an sich selbst hat und schnell ins Hochleistungstempo einsteigt?Klingt erst mal praktisch. Aber wer dauerhaft mit Vollgas unterwegs ist, braucht irgendwann mehr als einen Kaffee und einen Obstkorb, um wirklich gesund zu bleiben.
Metakognition, also die Fähigkeit, das eigene Denken zu beobachten, wird damit zu einer Art innerem Frühwarnsystem. Wer erkennt, dass der eigene Anspruch „Ich muss immer und sofort liefern“ eher Druck, als ein gutes Ergebnis erzeugt, kann bewusst gegensteuern. Die Fähigkeit, flexibel den Fuß aufs Gas zu drücken und ihn auch mal vom Gas zu nehmen, ist entscheidend, um in leistungsintensiven Phasen erneut liefern zu können. Wer die eigenen Gefühle im Entrainment Cycle als Wegweiser nutzt, trifft unter Umständen schlechte Entscheidungen, nämlich zu Lasten der langfristigen Leistungsfähigkeit. Wer verstanden hat, dass unangenehme Gefühle uns auf dem Weg der Veränderung begleiten dürfen und die richtigen Rückschlüsse zieht, kann auf die Signale besser reagieren. Denn wer spürt, dass der Körper längst auf Pause oder „bitte etwas klüger“ schaltet, während die Gewohnheit noch auf „weiter, weiter, schneller, schneller“ steht, kann innehalten, bevor die Erschöpfung überhandnimmt, die Leistungsfähigkeit und Motivation sinkt und die Fehlerquote steigt.
Metakognition verstehen – in 5 Mails
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