Im ersten Teil unseres Gesprächs berichte Dr. Carlhans Uhle, welche Erkenntnisse er aus dem Führungskräfteprogramm Leadership Essentials gewonnen hat und wie sich dies in seinem Führungsalltag auswirken.
Carlhans Uhle: Ich habe verstanden, wie einem die eigenen Denkmuster im Wege stehen können. Was ich mich frage: Wie gelingt der Alltagstransfer besser? In besonders schwierigen Situationen fallen doch auch Führungskräfte oft in alte Muster zurück. Dann sagt man sich „Das nächste Mal passiert mir das nicht!“ und prompt tappt man wieder in dieselbe Falle.
Catrin Bartel: Bei der von Ihnen geschilderten Falle handelt es sich vermutlich um eine „Denkfalle“. In unseren Trainings beobachten wir immer wieder, dass das Wissen um mentale Prozesse zwar schnell verstanden wird, die Umsetzung im Alltag aber eine ganz andere Herausforderung darstellt. Besonders unter Anspannung greifen wir auf alte, vertraute Denk- und Verhaltensmuster zurück. Das kennen wir aus dem Sport: Unter Stress zeigen sich eingefahrene Routinen. Umso wichtiger ist es das „mentale Muskelgedächtnis“ auch im Alltag zu trainieren.
Frank Steinhoff: Training heißt bei uns aber nicht, sich hinzusetzen und Übungen zu machen, sondern mitten im Alltag kleine Experimente zu testen: zu bemerken, wenn sich typische Gedanken melden, die bisher zu ineffektivem Denken und Verhalten geführt haben. Diese Gedanken bewusst stehen zu lassen, nicht automatisch zu reagieren, sich auf neues, lebenspraktisches Denken und Verhalten zu konzentrieren. Das ist die Übung, die den Meister macht. Im Grunde geht es darum, dem Wunsch nach einer schnellen, guten Lösung nicht nachzugeben, wenn es keine schnelle, gute Lösung gibt. Also das Problem, den Fehler, den Ärger, das Missgeschick zu akzeptieren, anstelle zu viel und zu lange darüber Gedanken zu wälzen. Der Volksmund ist ein guter „metakognitiver Berater“: lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Catrin Bartel: Damit die neue Denkweise präsent bleibt, können kleine Reminder oder Anker helfen. Das kann ein Post-It oder eine passende Postkarte am Badezimmerspiegel sein, eine kurze Notiz auf dem Schreibtisch oder der Ärger-Grübel-Sorgen-Unterbrecher in unserer App, der hin und wieder metakognitive Impulse sendet. Auch kleine Routinen wie „Wenn ich an einer Kasse anstehe, beobachte ich einfach mal meine Gedanken, ohne etwas damit zu tun“ können helfen, dann auch in schwierigeren Situationen mental flexibel zu bleiben. Das klingt banal, aber solche Mikro-Übungen helfen, im entscheidenden Moment anders zu reagieren.
Carlhans Uhle: Ich fand es faszinierend, wie Ihr im Führungskräfteprogramm das Denken transparent gemacht habt. Im Alltag werden Gedanken und Denken oft gleichgesetzt. Mir wurde klar: Es geht nicht darum, gar nicht mehr zu denken, sondern nutzlose, kraftraubende Denkprozesse zu reduzieren. Wenn ich weniger angestrengt an die „Problemlösung“ denke, komme ich eher zu einer Lösung. Das ist paradox und interessant.
Frank Steinhoff: Es ist übrigens dasselbe Phänomen, wenn einem ein Name nicht einfällt aber „auf der Zunge“ liegt. Oft kommt man später drauf, wenn man nicht mehr aktiv daran denkt.
Carlhans Uhle: Das bringt mich zu einer neuen Frage: Positives Denken, was ist Eure Meinung zu dazu? Ich habe selbst versucht mich zu motivieren, indem ich negative Stimmung oder Frust durch positive Gedanken ersetze. – Aber das hat in der Regel nur kurz funktioniert. Sobald ich nicht aktiv „Glas ist halb voll“ dachte, war das Glas – schwups – wieder halb leer.
Frank Steinhoff: Jürgen von der Lippe hat es mit seinem Lied wunderbar auf den Punkt gebracht „Guten Morgen liebe Sorgen, seid Ihr auch schon wieder da“.
Catrin Bartel: Genau das sehen wir auch in der Forschung. Der Versuch, negative Gedanken durch positive zu ersetzen, kann paradox wirken. Er erhöht den inneren Druck, kostet Energie und hält das Gedankenkarussell oft am Laufen. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir raten nicht dazu, Gedanken zu kontrollieren, sondern sie zu beobachten, ohne ihnen automatisch Bedeutung oder Handlungsimpuls zu geben. Diese distanzierte Haltung ist eine zentrale Kompetenz. Wir geben unangenehmen, „negativen“ Gedanken damit nicht so viel Gewicht.
Frank Steinhoff: Der Mensch denkt nun mal als erstes an „Problemlösung und Handlung“, auch in Situationen, wenn „Akzeptanz oder nichts tun“ eigentlich sinnvoller wäre. Eine schöne Metapher dazu zitierte Jürgen van Zwoll in einem unserer Gespräche „When it’s too busy on the dance floor, go to the balcony“. Distanz ermöglicht diesen Perspektivwechsel. Distanz ist die Basis für emotionale Selbstregulation, konstruktive Kommunikation, kluge Entscheidungsfindung etc. Und: Sie ist gut trainierbar.
Carlhans Uhle: Ich denke, ich nehme mein Denken heute bewusster wahr. Früher handelte ich eher aus Bauchgefühl oder Erfahrung. Jetzt erkenne ich schneller, welches Denkmuster mich leitet und ob es zielführend ist. Das eröffnet mehr Handlungsalternativen. Ich erkenne auch bei meinen Mitarbeitern schneller, wenn sie in Grübel- oder Sorgenschleifen feststecken, und kann dann besser damit umgehen.
Im dritten Teil des Gesprächs sprechen wir unter anderem über das Thema Werte – als Kompassnadel für Unternehmen und Führungskräfte – und warum mentale Flexibilität auch in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt.
Metakognition verstehen – in 5 Mails
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